Archiv Melsungen
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Grenzbegänge – Beschreibung mit historischen Bezügen Etappe 3

Vom Köpfchen über die Heege und den Mülmisch Berg zur Grillhütte

 

3.1    Alt- und Neubreitenbach
3.2    Glashütte
3.3    Nothmannsgraben, „Eiserne Forelle“ und Borngrebenkreuz
3.4    Viehtränke
3.5    Steinbeil der „Wartberggruppe“
3.6    Ostwald
3.7    Butterpfad
3.8    Die Hoige – Die Hecken - Rode Heege – Rote Heege
3.9    Rinderstall, Waldhute, Hüneburg
3.10    Grüner See, Standseilbahn, Basaltbahn und Drahtseilbahn, ICE-Brücke
3.11    Mülmischwäldchen und Kuhstall
3.12    Lehmkaute, Lehmbau

 

3.1    Alt- und Neubreitenbach

Hier im Breitenbachgrunde gab es einmal 2 Dörfer, die ihren Namen vom Bache erhalten hatten: Alt- und Neubreitenbach. Wo genau die Dörfer gelegen haben, wissen wir nicht mehr. Außer einigen Stufen von Ackerterrassen haben sich keine Spuren erhalten. Die Gebäude bestanden nur aus Holz. Grundmauern aus Stein oder gar Keller aus Stein gab es nicht und das Holz ist im Laufe der Zeit vermodert. Außerdem gehörten die Häuser zur beweglichen Habe und wurden beim Fortzug der Leute mitgenommen.

Wann die Dörfer gegründet wurden, lässt sich nicht mehr sagen. Die einzige Urkunde, die die beiden Dörfer erwähnt, stammt aus dem Jahre 1269. Dort wird nur der Verkauf der beiden Dörfer an das Kloster Eppenberg, heute die Karthause am Heiligenberg, beschrieben. Es kann weder die Gründung noch das Verlassen der Dörfer abgeleitet werden.

In unserer Gegend sind mehr als die Hälfte der Dörfer, welche im 12. und 13. Jahrhundert bestanden, Ende des 14. bis Mitte des 15. Jahrhunderts verlassen worden. Es war eine furchtbare Zeit. Klimaverschlechterungen führten zu Missernten und Hungersnöten, Pest dezimierte die Bevölkerung, Raubritter und Banden durchzogen das Land. Die Bevölkerung der kleinen, abseits liegenden Dörfer verließ ihre Heimat und zog in die größeren Dörfer ins Tal. Dort war man besser gegen Überfälle geschützt, dort gab es die Äcker der Bauern, die an der Pest gestorben waren und unten im Tal waren die Ernten auch besser als oben in den Bergen.

Kurt Maurer sen. deutet an, dass Neubreitenbach im Zusammenhang mit der Glashütte gestanden hat. Das kann nicht sein, denn der Verkauf wurde im Jahre 1269 getätigt, die Glashütte hat nach Auskunft von Historikern  vom späten 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts gearbeitet. Durch den riesigen Holzbedarf blieben Glashütten nicht lange an einer Stelle. Die erste urkundliche Erwähnung einer Glashütte in Hessen erfolgte im Jahre 1443.

 

3.2    Glashütte

siehe 1. Teilstrecke


3.3    Nothmannsgraben, „Eiserne Forelle“ und Borngrebenkreuz.

Der Nothmannsgraben ist der Graben, welcher von hier bis hinauf zu den „Vier Buchen“ führt. Der Namen wird in der „Schlehensteinschen Ämterkarte“ von etwa 1710 erwähnt.

Der Nutzen am Fischgewässer des Breitenbachs stand nur den Herren von Röhrenfurth und später denen von Riedesel zu. Aber die Forellen und die Krebse schmeckten zu gut und es war schon seit jeher zu verführerisch, sich im Bach zu bedienen, insbesondere wenn zu Hause die Familie Hunger leiden musste. Solcher Fischfrevel wurde, ebenso wie die Wilddieberei, hart bestraft. Zu diesem Zwecke hing hier unten am Ausgang des Nothmannsgrabens an einem Pfahl eine eiserne Forelle. Die eiserne Forelle wurde im Feuer heiß gemacht und der Fischfrevler wurde, für alle Leute sichtbar, mit dem Abdruck der Forelle auf dem Backen gebrandmarkt. Das ist zum Glück heute nicht mehr so. Ich habe noch nie einen Röhrenfurther mit einem solchen Brandzeichen gesehen. Ich kann mir vorstellen, dass es nach dieser alten Regel einige Männer geben müsste, die aus ihrer Jugendzeit ein solches Zeichen an der Backe haben.

Das Borngrebenkreuz mit seiner Inschrift:

Zum Andenken
1855 den 20ten Dezember
Tags 3 Uhr solte hier ein
Mort verübt werten aber
der Herr wachte

erinnert den Vorüberwandernden an folgende Begebenheit:

Vor ungefähr 150 Jahren trieb in den damals viel dichteren Wäldern ein Wilddieb sein frevelhaftes Handwerk. Einst trug er selbst das Kleid des Forstmannes. Durch sein unbotmäßiges und gewalttätiges Auftreten den Menschen, den Behörden und der eigenen Familie gegenüber verlor er Beruf und Heimat. Seitdem irrte er unstet und flüchtig umher und befriedigte seine Leidenschaften als Jäger und Wilddieb. Da er vorübergehend Aufenthalt bei Verwandten in Schwarzenberg suchte und wenig gastliche Aufnahme fand, hauste er recht bald in den Waldesgründen der Umgebung. - Der Forstläufer Borngrebe aus Röhrenfurth, der in der damaligen Zeit die staatliche Aufsicht in diesen Wäldern ausübte, versuchte ihm das Handwerk zu legen und stellte ihm nach. Davon erfuhr der Wilddieb und lauerte ihm nun seinerseits auf. Am bezeichneten Tage trafen sich beide im Waldwinkel zwischen Erbel- und Kohlberg. Der Unhold erhob sofort die Waffe gegen den Förster, der hinter dicken Buchenstämmen Deckung suchte.

Nur dem Umstande, dass der Wilddieb bei der Verfolgung des Försters über eine Baumwurzel stolperte, und die Waffe sich entlud, verdankt Borngrebe sein glückliches Entkommen und sein Leben. Der Wilddieb wurde später im Hause seiner Verwandten in Schwarzenberg gestellt. Ehe er sich jedoch den Feinden und Verfolgern ergab, zündete er das Heu auf dem Dachboden an und fand den Tod in den Flammen.

Der Förster war Johannes Borngrebe. Er wohnte im 1768 für den Brückenzollerheber erbauten Zollhaus (Chausseehaus) am linken Fuldaufer an der Brücke. Das Haus wurde 1939 abgerissen. Aus Dankbarkeit ließ Borngrebe jedes Jahr zum 20. Dezember Brot backen und verteilte es an die Armen des Dorfes. Außerdem stiftete er einen silbernen Abendmahlskelch, der noch heute bei Hausabendmahlen verwendet wird.


3.4    Viehtränke

Von den meisten Leuten unbeachtet führt hier ein schmaler Graben den steilen Berg hinauf.

In der Zeit, als das Vieh noch zur Hute in den Wald getrieben wurde, mussten die Tiere auch ab und an, vor allem im Sommer, zu einer Tränke geführt werden. Der kürzeste Weg von der „Hute auf der Höhe“ zum Breitenbach war dieser Weg. Über Jahrhunderte wurden die Tiere hier hinunter und wieder hinauf getrieben. Tausende von Tierhufen haben im Laufe der Jahrhunderte diesen Graben in den Untergrund getreten.


3.5    Steinbeil der „Wartberggruppe“

Es ist ungefähr 50 Jahre her, als mir in einer Ackerfurche ein glänzender Stein auffiel. Bei näherem Hinschauen stellte es sich heraus, dass es ein Steinbeil aus der jüngeren Steinzeit war. Bisher war ich, nach Vergleichen mit Ausstellungsstücken im Kasseler Museum, der Meinung, dass es aus der Michelsberger Kultur stammt – so steht es auch in der Chronik. Kürzlich zeigte ich das Steinbeil dem Archäologen Jürgen Kneip, der es in die Kultur der Wartberggruppe einordnete. Er war sogar der Meinung, dass sich dort auch Spuren einer Siedlung finden müssten.

Die Menschen der Wartberg-Gruppe lebten zwischen 3500 und 2800 v. Chr. Die Gruppe wird benannt nach dem Wartberg bei Kirchberg. Bekanntestes Zeugnis ihrer Kultur ist das Steinkistengrab bei Züschen – Lohne.


3.6    Ostwald

Wenn man heute einen Röhrenfurther nach dem Ostwald fragt, wird er den Wald zeigen, der eigentlich zum Erbelberg gehört. Und wenn man einen Röhrenfurther nach dem Os(t)waldsgroschen fragt, wird er die Geschichte aus dem 30jährigen Krieg erzählen, als die Röhrenfurther dem katholischen Feldherrn Tilly in einer Prozession entgegen zogen und ihren alten Dorfheiligen Oswald vor sich her trugen.

Der Ostwald ist schon lange kein Wald mehr und der heilige Oswald war auch nicht der Dorfheilige.
Der Ostwald war ein Waldstück zwischen dem heutigen Triftweg und dem Ostwaldsweg. Jenseits des Ostwaldsweges begann die Hoige – die Heege. Wann der Ostwald gerodet wurde, wissen wir nicht mehr. Es hat sich im Salbuch von 1575, also einige Zeit vor dem 30jährigen Krieg, eine Nachricht erhalten, dass die Kirche von einen Acker, „das Kyrchland“ genannt, der in der Flur Ostwald lag, jeweils zu Michaelis - am 29. September - 1 ½ Albus an die Renterei in Melsungen zu zahlen hatte.
Es ist wohl anzunehmen, dass es sich um einen Rodezins für die Rodung des Ostwaldes handelte, der dann auch auf allen Äckern im „Ostwald“ lag. Und so ist dann im Laufe der Zeit aus dem Ostwaldsgeld als Rodezins, die schöne Geschichte vom Oswaldsgroschen geworden (in der Chronik „800 Jahre Röhrenfurth“ nachzulesen).


3.7    Butterpfad

Der Butterpfad war, muss man heute schon sagen, ein Verbindungsweg zwischen dem Ostwaldsweg und dem Heegeweg. Seinen Namen erhielt der Butterpfad von jüdischen Händlern, die auf ihrem Weg nach Eiterhagen und Quentel auch Butter mitnahmen, um sie zu verkaufen.

Das ist die mir bekannte Überlieferung. Ich glaube jedoch nicht, dass ein Händler im Bauerndorf Eiterhagen Geschäfte mit dem Verkauf von Butter machen konnte und kann mir jedoch vorstellen, dass die Kuhhirten der „Hute auf der Höhe“ die Milch ihrer Kühe zu Butter verarbeiteten. Diese Butter wurde auf dem Butterpfad ins Dorf gebracht.


3.8    Die Hoige – Die Hecken - Rode Heege – Rote Heege

Die Hoige ist die Höhe.
Die Hecke ist in vielen nordhessischen Gebieten ein anderer Ausdruck für Wald und aus Hecke ist im Laufe der Zeit Hege, dann Heege geworden.

Die Hoige war, so wie sie in Dilichs Landtafel dargestellt wird, ein Waldstück zwischen dem Ostwaldsweg und dem Apfelwege. Die Spitze des dreieckigen Waldstückes lag am oberen Ende der Bergstraße beim alten Wasserbassin. Die Hoige gehörte zum Staatsforst des Landgrafen.

1715 war der Wald, jetzt „Die Hecken“ genannt, in der sog. „Schleensteinschen Ämterkarte“ noch eingezeichnet.

1816 erhielten 35 Röhrenfurther und 6 Empfershäuser Einwohner die „Concession“, 70 Acker Rottland am so genannten „Morgenland Milsunger Forst“ zu roden. Damit wurde der Wald im Morgenland und der Hoige abgeholzt und zu Ackerland gemacht. Das war auch der Anfang des Flurnamens die „Rode Heege“, also die gerodete Heege und nicht die rote Heege nach der roten Erde, die dort anliegt.
Erst durch die Rodung erhielt die Gemarkung Röhrenfurth ihre heutige Größe.


3.9    Rinderstall, Waldhute, Hüneburg

Seit germanischer - chattischer Zeit war jedes Dorf in den umliegenden Wäldern von der sog. Allmende umgeben. Die Allmende war ein Busch- und lichtes Waldgelände, welches der Allgemeinheit der freien Bauern gehörte. Im Ursprung war die Allmende die Gemeinschaft der freien Bauern.

Sie nutzten es zur Entnahme von Bau- und Feuerholz und vor allen Dingen zur Viehweide. Diese Waldhute war die Grundlage für eine Viehhaltung bis ins 19.Jahrhundert. Denn bis dahin gab es keine Wiesenwirtschaft, wie wir sie heute kennen.

In der „Speciale Beschreibung der Dorfschaft Röhrenfurth Ambts Milsungen" von 1744 wird folgendes über die „Hud und Weydgerechtigkeit" berichtet:
„Die Hude hat diese Gemeinde auf Herrschaftlichen Riedforste woselbst ihnen nicht nur ein gewißer district vor die Küh abgebunden sondern ist ihnen auch erlaubt mit denen Schaafen forne in diese Waldung zu hüthen, davor sie aber jährl. 2 Rhtl. triftgeld in die Renterey zu Milsungen entrichten, ingl. denen 3 Riedforstern einem jeden 2 Schlachtschaafe, dörfen auch außer der Mastezeit mit Schweinen hineintreiben."
und an anderer Stelle:
,,... die meisten (Äcker) aber sind stein und sandicht und vor welche sie wegen mangel des Wiesenwachses und Gefüttere kein genügsames Vieh zur Düngung halten können, angesehen solche absolute mit der Besserung zur Erträglichkeit gebracht werden müßen ..."

Diese Beschreibung von 1744, die auch 1851 und sogar 1892 dem Sinne nach wiederholt wurde, macht besonders deutlich, wie lebenswichtig das Huterecht für die Röhrenfurther war.

Der oben beschriebene Distrikt für die Kühe war die „Hute auf der Höhe“. Die „Hute auf der Höhe“ zog hier vom Waldrand an der „Heege“ bis hinauf zu den „Vier Buchen“. Dazu gehörte auch der „Rinderstall“, in den die Kühe über Nacht hinein getrieben wurden. Der Rinderstall lag zwischen den beiden Armen des „Sieberts Grabens“. Die Wälle, die den Stall begrenzten, sind heute noch zu sehen. Der Rinderstall ist nicht zu verwechseln mit dem Kuhstall, der früher zum gleichen Zwecke diente, aber hinter der Grillhütte lag und heute nur noch als Flurnamen existiert.

Vom Dorf aus wurden die Kühe durch die Schaafhöhle (heute Bergstraße) oder die „Grempe“ (später „Alte Höhle“, heute Hirtenrain und Ostwaldstraße) zur „Trift“ (später „Rode Heeche“, heute Vierbuchenstraße) und dann in den Wald getrieben.

Die Hute für die Schafe war im „Hainbuch“. Dort gibt es heute noch den Forstort „Schaafstall“. Dort ist auch ein Viereck aus Wällen, etwa 40m x 45m groß, zu sehen, in welches die Schafe über Nacht hineingetrieben wurden. Auch die Schafe wurden durch die „Schafhöhle“ und den noch heute bekannten „Triftweg“ (Sommerweg) in den Grund getrieben. Die Schaftrift bog dann nahe beim heutigen Interessentenwald, damals Eichelgarten, in das „Hainbuch“ ab.

Wo die Schweine gehütet wurden, kann ich nicht sagen, vermutlich aber auch im „Hainbuch“. Die Schweine ernährten sich von Bucheckern und Eicheln und nur dort im Hainbuch gab es genügend Laubwald in einem Hutegebiet. Wie wichtig diese Schweinemast war, zeigt die Tatsache, dass der Wert eines Eichenwaldes nicht danach gemessen wurde, wie viel Holz er lieferte, sondern wie viel Schweine zur Mast hineingetrieben werden konnten.

Die Hutegebiete waren genau abgegrenzt und gekennzeichnet. Die Grenzen waren mit Wällen gekennzeichnet und auf den Wällen waren Hecken aus Schwarzdorn, Weißdorn, und anderen Büschen gepflanzt. Diese Büsche wurden mit Strohseilen zu Garben gebunden und diese wurden wieder zu Hecken zusammengebunden. Auf diese Weise wurden die Huten abgebunden. Eine Arbeit, die den Hirten, den Feldhütern und teilweise auch den Forstläufern oblag. Die Forstläufer mussten für diese Arbeit bezahlt werden.

Am 15. Januar 1883 wurde der Rezess, also die Vereinbarung über die Ablösung der Hute- und Triftrechte abgeschlossen. Am 1. Januar 1884 sollten die Rechte erlöschen und am 1. Januar 1885 die ersten Zahlungen an die Bauern erfolgen.

Die Rechte der Röhrenfurther über den Bezug des Brennholzes aus dem Riedforste und die Rechte zum Lesen des Fallholzes und von Reisig waren von der Vereinbarung nicht betroffen.

Nach Erlöschen der Huterechte konnten die Huteflächen wieder aufgeforstet werden. Durch die jahrhundertlange Beweidung des Waldes waren die Flächen vollständig kahl gefressen worden. Eine parkartige Heidelandschaft war entstanden, in der nur wenige Buchen und Eichen standen. Die „Vier Buchen“ oder die „Kroneneiche“ sind Beispiele dafür. Der Boden war ausgelaugt und der Humus von der Erosion fortgespült. In dieser Situation wurden als Pionierpflanzen Fichten gepflanzt, die dann nach einem Umtrieb durch Eichen und Buchen ersetzt werden sollten.

Über die Probleme, die wir heute mit den Fichtenmonokulturen haben, brauche ich nichts zu erzählen. Auf den Huteflächen hatten die Fichten als Pioniere ihre Berechtigung, aber auf alten Buchen- und Eichenstandorten haben die Fichten nichts zu suchen.

Wie prekär die Lage bei der Wiesenwirtschaft war, zeigt die Tatsache, dass noch im Jahre 1870 acht Röhrenfurther Eigentümer Wiesen im Bereich der heutigen „Hüneburgswiese“ hatten.

Es waren:
Conrad Biermanns Witwe, Jakob Geier, Conrad Grunewald II, Konrad Hilgenberg, George Holzhausen, Jakob Landgrebe, Konrad Steinbachs Witwe, Christian Weingart.

Können Sie sich vorstellen, wie viel Zeit allein für den Weg aufgewendet wurde, um dort oben Heu zu machen?

Wie kamen die Röhrenfurther und außer ihnen noch 1 Bauer aus Empfershausen, 2 aus Eiterhagen, 3 aus Körle und 1 aus Schwarzenberg zu den Wiesen mitten im Wald?

Auf der Suche nach der sagenhaften Hüneburg fand ich dort oben eine große Anzahl von Ackerrainen – Ackerterrassen. Im Mittelalter gab es dort oben ein Dorf, dessen Name uns nicht bekannt ist. Es ist nie in einer Urkunde erwähnt worden. Die einzige Spur dieses Dorfes sind halt die Ackerterrassen. Vermutlich Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts verließen die Bewohner ihr Dorf und siedelten sich unten im Tal in einem der Dörfer an. 1870 lebten 8 ihrer Nachkommen und Erben in Röhrenfurth. Die Gemarkung des Dorfes war, nachdem das Dorf verlassen worden war, Empfershausen zugeschlagen worden.

Der Name „Hüneburg“ weißt auf eine vorgeschichtliche Befestigung hin. Überall in Deutschland, auch in unserer Nähe, gibt es solche Hüneburgen. Eine der nächsten ist der Hünerberg in Beuern. Den Namen haben unsere Vorfahren geprägt, die sich nicht vorstellen konnten, dass solche Befestigungen von Menschen gemacht worden sind. So etwas konnten nur Hünen, also Riesen machen. Spuren der Hüneburg wurden bisher nicht gefunden. Das Gelände der Hüneburg wurde von der mittelalterlichen Siedlung überlagert und die Wallreste vom Ackerbau zerstört.


3.10    Grüner See, Standseilbahn, Basaltbahn und Drahtseilbahn, ICE-Brücke

Gerade dieser Ausblick in das Mülmischtal hat sich durch die Technik im Laufe der letzten gut 100 Jahre sehr verändert.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Landstraße nach Empfershausen ins Tal verlegt. Vorher verlief sie hier unten an der Grillhütte vorbei über den Mülmisch Berg.

Die nächsten Veränderungen wurden durch den Basaltabbau am „Grünen See“ verursacht.

Ende des 19. Jahrhunderts war, bedingt durch Eisenbahn- und Straßenbau, der Bedarf an Baumaterial, besonders an Basalt, stark gestiegen. Daher begann die Fa. Reinbold, welche schon in Rhünda einen Steinbruch betrieb, im Bereich der Hüneburg mit dem Abbau von Basalt. Am Anfang wurden Pflastersteine und sog. Schrotten als Packlager beim Straßenbau angefertigt. Die Steine wurden mit dem Pferdewagen zum „Zwickel“ und über den „Sälzerweg“ direkt zum Bahnhof nach Melsungen gebracht. Befestigte Waldwege, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht!
Eine kleine Verbesserung brachte der Bau einer Standseilbahn vom Steinbruch hinunter an die Straße zwischen Empfershausen nach Eiterhagen. Doch die Steine mussten immer noch mit Pferdefuhrwerken nach Melsungen gebracht werden.
Daher versuchte man, dass die Reichsbahn in Körle eine Güterwagenverladestelle baute. Die Bemühungen dauerten von 1897, bis endlich 1911 die Güter in Körle verladen werden konnten.

Nun konnte der Betrieb erweitert werden. Am unteren Ende des Rüdewichsgrabens wurde ein Schotterwerk mit Brecher, Schmiede, Maschinenhalle und Kantine gebaut. Über eine neue Standseilbahn wurden die Steine vom Steinbruch zum Brecher gebracht. Einige geringe Reste der Gebäude sind noch heute zu sehen.
Die großen Mengen an Steinen konnten nun nicht mehr mit Fuhrwerken transportiert werden. Es wurde 1914 eine Lorenbahn durch das Mülmischtal am Riesenrain entlang zur B 83 und weiter nach Körle gebaut. Die Loren wurden von einer Dampflok gezogen.
Im Jahre 1920 verkaufte die Fa. Reinbold den Steinbruch an die Basalt AG Linz, welche eine Tochterfirma, die Casseler Basalt – Industrie, kurz CBI, gründete. Diese Firma ist uns allen ja noch bekannt. Die CBI investierte in Körle und baute das Basaltwerk. Der Transport der Steine konnte nun auch von der Lorenbahn nicht mehr bewältigt werden und so wurde eine Seilbahn gebaut, welche 1924 in Betrieb ging und die Steine auf direktem Wege von der Hüneburg nach Körle brachte.
Hier unten, etwa da, wo die ICE-Brücke die Straße überquert, stand ein hoher Stützmast mit einer großen Plattform. Die Plattform wurde zum Schutz des Straßenverkehrs benötigt, damit keine Steine aus den Seilbahnloren auf die Straße fallen und Verkehrsteilnehmer verletzen konnten.

Obwohl der Schwerpunkt der Produktion nun in Körle war, gab es auch oben am heutigen „Grünen See“ reges Arbeitsleben. Bis zu 200 Leute waren dort beschäftigt – Steinrichter und Hilfskräfte. Es wurden Pflastersteine und aus dem plattigen Rohmaterial Kleinpflaster, Mosaikpflaster und Reihensteine von Steinrichtern gefertigt - gerichtet.

Diese vielen Arbeiter benötigten entsprechende Arbeitseinrichtungen, wie Maschinen- und Geräteschuppen, überdachte Arbeitsplätze für die Steinrichter, Kantine usw.
Die Reste der Gebäude, Grundmauern u. Ä. sind auf dem Plateau vor dem „Grünen See“ noch heute zu finden.

Die Basaltvorkommen gingen langsam zu Ende. 1926/27 wurde ein neuer Steinbruch an der Hüneburgwiese erschlossen. Die Steine wurden mit einer Lorenbahn zum „Grünen See“ gebracht. 1929, nach nur 2 Jahren, waren alle abbauwürdigen Basaltvorkommen ausgebeutet.

Der „alte“ Steinbruch füllte sich im Laufe der Zeit mit Wasser und wurde zum „Grünen See“. Über dessen Geschichte ließ sich sehr viel erzählen. Heute ist er ein wunderbares Naturschutzgebiet. Ich selbst bin oft dort oben, um die Ruhe und die Natur mit ihren Pflanzen und Tieren zu genießen. Auch der Steinbruch an der Hüneburgswiese ist ein Naturschutzgebiet geworden. Es ist vor allem für Vögel gedacht, welche Felsen und Felswände lieben.

Ein neuer Steinbruch wurde in Quentel am Ölberg erschlossen. Die Seilbahn wurde bis zum neuen Steinbruch verlängert.

Der bisherige Endpunkt der Seilbahn war nur noch eine Spannstation. Hier wurden die Tragseile mit schweren Gewichten gespannt. Die Länge der Tragseile ändert sich unter Temperatureinflüssen. Es gab hier einen richtigen „Bahnhof“ mit Weichen und festen Schienen. Hier konnten Loren aus dem Betrieb herausgenommen werden, mit denen z. B. Abfallgrus aus Körle kam, der hier in den alten Bruch geschüttet wurde.

Da sich von Körle über den „Grünen See“ zum neuen Steinbruch keine gerade Linie ergibt, wurde in etwa 1,5 km Entfernung auf dem Eisbergkopf bei Eiterhagen eine Winkelstation gebaut, wo die Seilbahn zum neuen Steinbruch am Ölberg abknickte.
1971 wurde der Seilbahnbetrieb eingestellt. Die Güter, Produkte und Steine wurden auf LKW von Quentel nach Körle gebracht und die umweltfreundliche Seilbahn abgebaut.

Eine letzte große Veränderung hier im Mülmischtal gab es Ende der 1980 Jahre als die große 75 m hohe und 870 m lange ICE-Brücke gebaut wurde. Inzwischen sind 20 Jahre vergangen, die damalige Aufregung hat sich gelegt und wir haben uns an die vorbeibrausenden Züge gewöhnt.


3.11    Mülmischwäldchen und Kuhstall

Ursprünglich war das Mülmischwäldchen wesentlich größer als heute und gehörte denen von Riedesel. Erst nach 1890, also kurz vor der Verkoppelung, gaben die von Riedesel den Wald ab und der obere Teil des Waldes wurde gerodet. Ursprünglich ist der Wald wohl noch größer gewesen und stand der Waldhute zur Verfügung. Über Nacht wurden die Kühe dann im „Kuhstall“ in Sicherheit gebracht.


3.12    Lehmkaute, Lehmbau

Bevor die Grillhütte gebaut wurde, war hier die Lehmkaute. Die Lehmkaute war eine sehr wichtige Einrichtung im Dorf. Hier wurde der Lehm gewonnen, der beim Bau der Häuser unbedingt benötigt wurde. Bei den Fachwerkhäusern war neben dem Holz Lehm der wichtigste Baustoff. Die Gefache wurden mit Fitzegerten geflochten und mit Lehm verschmiert. Die Decken wurden aus Lehmwickeln gemacht. Vor der Verarbeitung wurde der Lehm mit Pferdeäpfeln oder mit Kuhmist vermischt und Stroh wurde beigefügt.

Lehm wird auch heute wieder als ein ökologischer Baustoff verwendet. Durch seine Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen und auch wieder abzugeben, sorgt Lehm für ein gutes Raumklima.

Kurt Maurer jun.

 

Quellen:

Kurt Maurer sen.:
800 Jahre Röhrenfuth – Geschichte und Geschichten eines Dorfes.
Melsungen – Röhrenfurth 1982

Dr. Ludwig Armbrust:
Geschichte der Stadt Melsungen bis zur Gegenwart
Melsungen 1921

Dr. Dieter Wolf:
Melsungen. Eine Kleinstadt im Spätmittelalter
Butzbach 2003

Heinz Rüdiger:
Das Basaltvorkommen an der Hüneburg
in 700 Jahre Empfershausen

Dr. Georg Landau:
Historisch-topographische Beschreibung der wüsten Ortschaften in Hessen ....
Kassel 1858

Carl Renouard:
Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfahlen
Kassel 1864

J. G. Schleenstein:
Landesaufnahme der Landgrafschaften Hessen-Kassel
1707/1710

Wilhelm Dilich:
Abriß des Bezirks Röhrenfurtt so Riedeselisch - Spezialtafel des Amtes Melsungen
1615

Niveaukarte vom Kurfürstentum Hessen
Blatt 32 Melsungen
1848 und 1857

Hessisches Landesamt für Geoinformation und Bodenmanagement
Topografische Karte 1:25 000 – Nr. 4823

 

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