Archiv Melsungen
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Grenzbegänge – Beschreibung mit historischen Bezügen Etappe 1

Von der „Alten Fulda“ durch den Kriegenberg zur Waldgaststätte Rose

1.1    Alte Fulda
1.2    Wandergrund – Wangergraben
1.3    Interessentenwald Kriegenberg
1.4    Grenzbeschreibung
1.5    Grenzsteine
1.6    Kehrenbacher Fußpfad - Judenpfad
1.7    Oberste Lanneweg – „Oberste Weg“
1.8    Zehntgraben
1.9    Verkoppelung – Zusammenlegung
1.10    ICE-Eisenbahnbau
1.11    Trischer
1.12    Eichelgarten
1.13    Schafstall
1.14    Trinkwasserquelle
1.15    Glashütte

 

1.1    Alte Fulda

Bis zum Jahre 1845 floss die Fulda hier am Fuße des Kriegenberges entlang. Der Fluss hatte im Laufe von vielen tausend Jahren den ehemals sanfteren Hang am Fuße abgespült und den heutigen Steilhang des Kriegenberges geformt.

Am 2. Oktober 1844 wurde die Gesellschaft für die Friedrich-Wilhelm-Nordbahn gegründet und am 1. Juli 1845 wurde bei einem Volksfest bei Grebenau der erste Spatenstich für die neu zu bauende Eisenbahnlinie gemacht.

Eine der größten Baustellen wurde in Röhrenfurth eingerichtet. Der Bahndamm musste aufgeschüttet werden, der Schellrain wurde durch einen tiefen Einschnitt zerteilt. Das Dorf wurde durch den Bahndamm in zwei Teile zerschnitten.

Das größte Bauvorhaben entstand aber dadurch, dass die Fulda am Fuße des Kriegenberges der Bahnlinie im Wege war. Also wurde mit einer großen Anzahl von Menschen südlich des neuen Bahndammes ein Bett für die Fulda gegraben. Nach der Aufschüttung des Bahndammes entstand hier im Laufe von mehr als 150 Jahren das Naturschutzgebiet „Alte Fulda“. Fast allen Röhrenfurthern dadurch bekannt, weil sie hier das Schlittschuhlaufen gelernt haben.


1.2    Wandergrund – Wangergraben

Die älteste Nachricht über den „Wangergraben“ stammt aus dem Jahre 1615. In Dilichs Landtafel ist er als „Wandergrund“ vermerkt.

In der Chronik „800 Jahre Röhrenfurth“ schreibt Kurt Maurer sen. im Kapitel „Geschichten eines Dorfes“, also nicht als historische Tatsache, dass der Name nicht vom mundartlichen „wangern“ gleich „geistern – Geistererscheinungen“ kommt.

Der Graben habe seinen Namen nach der folgenden Geschichte erhalten:
Nachdem im Jahre 1239 der Landgraf die Burg in Schwarzenberg zerstört hatte, wurde sie groß und prächtig wieder aufgebaut. Um 1400 war der General von Wanger Besitzer der Burg und hielt sie mit 200 Söldnern besetzt. Bei einem Kampf gegen mächtige benachbarte Ritter kam Wanger hier im Graben um. Seitdem wurde dieser Graben Wangergraben genannt.

In Dilichs Landtafel heißt der Graben „Wandergrund“. Ich glaube daher, dass der Graben seinen Namen vom Steilhang des Kriegenberges erhalten hat – es war der Graben in der Wand – der Wandergrund - der Wandergraben. Als Beispiel kann man die Herrmannswand nennen, das ist der steile Hang auf der rechten Seite des Hospitalsgrundes.


1.3    Interessentenwald Kriegenberg

Die Interessentenwaldungen sind die letzten Überreste der Allmende. Ursprünglich gehörten alle Wälder zur Allmende, dem allgemeinen Eigentum der freien Bürger und Bauern. Im gleichen Maße wie die Bauern ihre Freiheiten verloren und zu Zehntpflichtigen, also zu unfreien Abhängigen wurden, ging das Eigentum an den Wäldern in die Hände der Dorfherrschaft und des Landgrafen über.

Nur wenige Wälder, wie der Kriegenberg, blieben im Eigentum der Dorfbewohner. Jede Familie mit Haus hatte Anspruch auf Wald (Allmendwald). Als jedoch immer mehr Fremde in die Dörfer hinzuzogen, begrenzten die Alteingesessenen die Nutzungsrechte am Wald auf die schon immer ansässigen Bewohner. Nach Verhandlungen mit der Gemeinde als noch Eigentümer, wurde zu Gunsten der nutzungsberechtigten Bewohner entschieden. So entstand aus dem gemeinschaftlichen Nutzungsrecht gemeinschaftliches Eigentum am Wald - die Interessentenschaften. Jeder Interessent besitzt ideelle Anteile, die ihm frei zur Verfügung stehen.


1.4    Grenzbeschreibung

In einer Grenzbeschreibung aus dem Jahre 1615 wird dieser Teil der Röhrenfurther Grenze so beschrieben:
Roerfortter bezirck.
Derselbige hebt sich ahn in der Fulda an der Gautzelswiessen in dem Bornflus, gehet demselbigen nach auff den brun und von demselbigen auff einen großen eichbaum am wege obig derselbigen wissen furtters auf den weg, wilcher oben vom Kriechenberg erab kompt, und also denselbigen hinnauf zu einem großen maalbaum und an dem Wandergrunde hero auff den Kriechenberg und dadannen heruber an das Heimbuch, auch an demselbigen in dem wege an den hohen beumen hinnaus an die Spittelswiße ......
Die „Gautzelswiese“ könnte die heutige Kuttelswiese sein.
Der „Bornflus“ ist der kleine Bach, der hier herunter kommt.
Der „brun“ ist die Quelle des Baches.
Die „Spittelswiese“ ist der Hospitalsgrund.


1.5    Grenzsteine

Hier an der Grenze zur Nachbargemarkung Schwarzenberg stehen noch einige Grenzsteine aus dem Jahre 1752.

In Hessen regierte damals Landgraf Wilhelm VIII. Das einschneidenste Ereignis seiner Regierungszeit war der Beginn des Siebenjährigen Krieges im Jahre 1756. Er war der Vater des Landgrafen Friedrich II. , der die Grenzsteine am Kesselgraben hat setzen lassen.


1.6    Kehrenbacher Fußpfad - Judenpfad

Das war der Fußweg, auf dem die Röhrenfurther Juden nach Kehrenbach gingen, um dort Handel zu treiben. Kehrenbach war wie Empfershausen, Eiterhagen, tlw. auch Quentel und Kirchhof bevorzugte Ortschaft für den Nothandel der Juden aus Röhrenfurth.


1.7    Oberste Lanneweg – Der oberste Weg

Das mittelhochdeutsche Lanne bezeichnete die Kette (das Verschlungene) als Werkzeug und als Schmuck. Der Lanneweg wäre dann der verschlungene Weg – auf der Karte Röhrenfurth in alter Zeit sieht man noch wie verschlungen der Weg den Berg hinauf führt. Später wurde der Name zum „Obersten Weg“ – dem „Öwerschten Weg“ verkürzt.

Der Namen Lanne erinnert an das Flüsschen „Krumme Lanke“ in Berlin, den Älteren von Ihnen sicher aus dem alten Schlager bekannt.


1.8    Zehntgraben

Vielleicht hat der Graben etwas mit den Zehntabgaben zu tun, die die Röhrenfurther Bauern an die Dorfherrschaft abzugeben hatten.

Er könnte auch etwas mit dem Röhrenfurther Zehntgericht zu tun haben. Bis hierher ging die Gerichtsbarkeit der Herrn von Röhrenfurth. Die Dörfer Alt- und Neubreitenbach, die hier angrenzten, waren ja an das Kloster Eppenberg (Karthause bei Gensungen) verkauft.

Nachdem der Zehntgraben bereits 1970 zum Teil zugeschüttet worden war, ist er durch die Ablagerung des Erdaushubes vom Tunnelbau der ICE-Strecke ganz verschwunden.

Zu meiner Jugendzeit war der untere Teil des Zehntgrabens als „Fehrs Budellchen“ unsere beliebteste Schlittenbahn.


1.9    Verkoppelung – Zusammenlegung

Die Verkoppelung war das Ereignis, welches das Leben um 1900 in unserem damals noch sehr bäuerlich geprägten Dorf am stärksten veränderte.

Bis dahin herrschte in Röhrenfurth die Dreifelderwirtschaft. Dabei wurde die gesamte Gemarkung in 3 annähernd gleich große Felder eingeteilt – das Sommerfeld, das Winterfeld und die Brache. Jeder Bauer erhielt in den 3 Feldern Äcker in der Größe seines vorherigen Anteils. Im Sommerfeld wurde Sommergetreide und im Winterfeld wurde Wintergetreide angebaut. Die Felder in der Brache wurden nicht bestellt und blieben zur Erholung des Bodens brach liegen und wurden beweidet. Viel mehr Feldfrüchte gab es ursprünglich noch nicht, die Ernährung bestand im Wesentlichen aus Getreide. Später kamen als Feldfrucht noch die Kartoffeln dazu. Einen wesentlichen Fortschritt brachte Ende des 18. Jahrhunderts der Kleeanbau auf der Brache, der den Boden mit Stickstoff versorgte. In Röhrenfurth gab es „Hinter den Höfen“ einen Kleegarten, um den Kleesamen zu gewinnen.

In der Nähe des Dorfes gab es auf geeigneten Böden Gärten zum Anbau von Gemüse usw. Flächen, die nicht zum Acker- und Gartenbau geeignet waren, wurden als Wiesen genutzt. Das waren vor allem die feuchten Flächen an der Fulda und im Breitenbachgrund.

Die Wälder, welche die Dörfer umschlossen, gehörten ursprünglich zur Allmende, dem allgemeinen Eigentum. Hier konnten alle, je nach ihrer sozialen Stellung, sich mit Bau- und Brennholz versorgen und konnten ihr Vieh zur Waldhute und zur Eichel- und Eckernmast in den Wald treiben.

Feldwege, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Alle zur Verfügung stehenden Flächen wurden für die Ernährung der Bevölkerung benötigt. Damit verbunden war natürlich, dass man die Äcker nicht jederzeit erreichen konnte. Die Bauern, die ihre Äcker im inneren eines Schlages hatten, mussten über die an einem Wege liegenden Äcker fahren. Das ging natürlich nur, wenn diese Äcker noch nicht bestellt waren bzw. schon abgeerntet waren. Also mussten alle Bauern die gleichen Feldfrüchte anbauen. Die im Inneren liegenden Äcker mussten zuerst bestellt werden und durften erst als letzte abgeerntet werden und zwar gleichgültig wie sich das Wetter entwickelte.

Im Laufe der Zeit waren die Felder durch Erbteilung immer kleiner und schmäler geworden. In der Heege gab es Äcker, die nur 3 – 4 m breit waren.

Unter diesen Verhältnissen konnte natürlich keine moderne intensive Landwirtschaft betrieben werden. Um dies zu ändern, wurden sog. Verkoppelungen – Flurbereinigungen durchgeführt.

Nachdem Kurhessen im Jahre 1866 preußisch geworden war, wurden die Verkoppelungen mit Nachdruck von staatlicher Seite gefördert und so kam Röhrenfurth im Jahre 1892 an die Reihe.

Zuerst musste eine Bestandsaufnahme gemacht werden. Da Röhrenfurth erst 1852 vermessen worden war, genügte diese kurhessische Vermessung den preußischen Ansprüchen und musste nicht neu vermessen werden. Zur Bestandsaufnahme gehörte auch die Feststellung der Ertragsfähigkeit des Bodens – Bonitierung nannte man das Verfahren. Der Boden wurde von zwei Bonitierern 30 cm aufgegraben und an Hand der so festgestellten Ertragsfähigkeit in eine der 10 Klassen eingesetzt. Der Ertragswert je Hektar betrug in der besten Ackerklasse I   72 Mark und in der schlechtesten Ackerklasse X nur 2 Mark. Die beste Wiesenklasse I hatte einen Ertragswert von 85 Mark je Hektar und in der schlechtesten Wiesenklasse IX waren es 7 Mark je Hektar.

Aus der Fläche, welche ein Bauer in das Verfahren einbrachte, abzüglich eines prozentualen Anteils an den Flächen für Gemeinschaftsanlagen und dem Mehrbedarf für Wege und dem Ertragswert, konnte dann der sog. Sollanspruch auf Zuteilung von Flächen aus dem Verfahren berechnet werden.

Im zweiten Schritt wurde das neue Wegenetz festgelegt. Die Wege mussten so geplant werden, dass alle späteren Äcker von einem Wege zu erreichen waren. Die Steigungen durften auch nur so steil sein, dass ein voll beladener Erntewagen von den Zugtieren den Berg hinauf gezogen werden konnte.

Innerhalb dieses Wegenetzes erhielt jeder Teilnehmer am Verfahren nach seinem Sollanspruch einen entsprechenden Anteil. Es war ein schwieriges Unterfangen, alle Interessen zufrieden zu stellen und die Sollansprüche so zuzuteilen, dass alle zufrieden waren.

Um eine Zersplitterung zu vermeiden, durften die neu entstandenen Äcker beim Vererben nicht mehr geteilt werden.

Die Verkoppelung sorgte aber auch während der Durchführung für Arbeit. Tausende von Grenzsteinen mussten aus Sandstein gemacht werden. Die Wege mussten angelegt und die Hauptwege befestigt werden, wegfallende alte Wege waren zu rekultivieren. Der Breitenbach wurde teilweise begradigt, Ent- und Bewässerungsgräben wurden angelegt. Später wurden an den Wegen Obstbäume gepflanzt. Alte Fotos aus dieser Zeit zeigen eine für uns ungewohnte, kahle Gemarkung.

Die Verkoppelung war letztendlich die Voraussetzung für die moderne Intensivlandwirtschaft. Jeder konnte durch das Wegenetz seine Felder erreichen, wann immer er wollte. Jeder Landwirt konnte seine Felder nun so bestellen und abernten, wie er es für richtig hielt. Auch welche Feldfrüchte er anbaute, blieb ihm selbst überlassen. Er musste keine Rücksicht mehr auf seine Nachbarn nehmen.


1.10    ICE-Eisenbahnbau

Kaum ein Ereignis in der neueren Röhrenfurther Geschichte hat so viel Erregung hervorgerufen, wie der Bau der ICE-Strecke. Viele Zeitungsartikel und Leserbriefe befassten sich mit dem Thema, ja sogar der hessische Landtag befasste sich auf Grund einer „Kleinen Anfrage“ mit Röhrenfurth und der ICE-Baustelle. Siehe hierzu das Kapitel „ICE Neubaustrecke“.


1.11    Trischer

Triesch, Triescher = Brachland.
Die Triescher wurde Anfang des 19. Jahrhunderts, etwa zur gleichen Zeit wie die Heege, gerodet.


1.12    Eichelgarten

Der Eichelgarten war, wie die Gemeindebaumschule und der Kleegarten, eine gemeinschaftliche Einrichtung. Hier wurden die jungen Eichen für die Aufforstung der Gemeindewälder gezogen. Fichten, wie sie heute hier stehen, waren damals noch nicht gesucht.


1.13    Schafstall

Über die sog. Triften, Triftwege trieb man das Vieh in bestimmte, zugelassene Bezirke des Waldes. Die Schafe des Dorfes wurden durch den Sommerweg und durch den Grund getrieben und im Hainbuch gehütet. Oben auf halbem Wege zur Kuppe des Heiligenberges befindet sich der Forstort „Schaafstall“. Dort kann man noch ein durch Wälle abgegrenztes Rechteck, ca. 40 m x 50 m groß, sehen, in das die Schafe am Abend hineingetrieben wurden.


1.14    Trinkwasserquelle

Knapp 450 m von hier befindet sich die Röhrenfurther Trinkwasserquelle.

Im Jahre 1902 – 1903 gab es im Dorfe die verbreitete Meinung, eine Wasserleitung zu bauen. Bis dahin wurde das Wasser, wenn kein Brunnen in der Nähe war, aus der Fulda, dem Breitenbach und dem Mühlenteich geholt.

Durch verschiedene Querelen hervorgerufen dauerte es noch 6 Jahre bis die Wasserleitung gebaut wurde. Die Quelle hier hinten im Hospitalsgrund wurde gefasst und das Wasser zum Wasserbehälter am oberen Ende der Bergstraße geführt. Das Wasser war weich und schmeckte sehr gut. Ich selbst kann mich noch erinnern, dass aus Gensungen ein Schnapsfabrikant kam, um seinen Schnaps und Likör mit Röhrenfurther Wasser auf Trinkstärke zu verdünnen.

Der Wasserbehälter genügte im Grunde genommen nur bis in die 1920er Jahre. Die Bewohner der beiden obersten Häuser in der Bergstraße, die Familien Kiefer und Maurer, litten sehr unter der niedrigen Lage des „Hochbehälters.

Da die Erschließung von neuem Baugelände immer wieder an der mangelhaften Wasserversorgung scheiterte, wurde 1963 ein neuer Wasserbehälter oberhalb des Dorfes gebaut und 1964 in Betrieb genommen.


1.15    Glashütte

Rohstoffe:

Als Glasbildner wurde ein geeigneter Sand benutzt, den man möglichst in der Nähe der Hütte abbauen konnte, z. B. in Bachbetten angeschwemmter verwitterter Sandstein. Mit dem Sand kamen Eisenoxid ins Gemenge, welches das Glas grün färbte. Als Schmelzmittel wurde aus Pflanzenasche gewonnene Pottasche (Kaliumcarbonat) verwendet. Sie wurde durch Verbrennen von Eiche, Buche oder Fichte gewonnen. Hinzu kamen noch verschiedene Mineralien und Salze als Farbstoffe.

Eine Glasshütte benötigte ungeheuer große Mengen von Holz; für die Herstellung von 1 kg Glas wurde 1 - 3 Festmeter Holz benötigt – ca. 5% zum Beheizen der Öfen, der große Rest wurde zur Herstellung der Pottasche benötigt. Der Holzbedarf einer einzigen Hütte betrug jährlich 2000 bis 3000 Festmeter Holz. Für diesen Bedarf wurden jährlich 20 bis 30 ha. Wald abgeholzt. Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise der Wald im Einzugsbereich einer Glashütte bald abgeholzt war und die Hütte nach 8 – 10 Jahren weiterziehen musste.

An die Herstellung der Pottasche erinnern die alten Namen Ascheweg und Aschegraben hinten im Hüttengrund.

Ob der, für die Qualität des Glases wichtige, Sand hier vor Ort abgebaut wurde oder ob er vom Hirschberg bei Großalmerode importiert wurde, wissen wir nicht. Den feuerfesten Ton, den man für den Ofenbau und die Anfertigung der Schmelzhäfen benötigte, gab es nur in Großalmerode.

Glasherstellung:

Eine Glashütte bestand aus 3 Öfen – dem Fritteofen, dem Schmelzofen und dem Kühlofen. Funktionen der Spezialöfen konnten auch in einem Ofen vereinigt werden.
Im Fritteofen wurde das Rohstoffgemisch, das im Wesentlichen aus 1 Teil Sand und 2 Teilen Asche bestand, vorgeschmolzen.
Im Schmelzofen wurde die wieder zerschlagene Fritte zusammen mit Glasabfällen erneut geschmolzen und geläutert, bis klares Glas entstand. Wenn die Glasschmelze gut war, konnten die Glasbläser ihre Produkte fertigen.
Damit beim Abkühlen der Glasprodukte keine Materialspannungen entstanden, welche die Gläser zerspringen ließen, wurden die heißen Gläser in den Kühlofen gestellt und allmählich abgekühlt.
Eventuell gab es noch einen Streckofen, den man zur Herstellung von Fensterglas benötigte.


Personal:

Zum Betrieb einer Glashütte wurde eine größere Zahl von Menschen benötigt - man rechnet etwa 10 Familien zum Betrieb einer Glashütte.

Im Einzelnen gehörten zu einer Glashütte:

Der Hüttenherr, als Besitzer der Glashütte, war meist adlig und durfte mit seinem Gesinde außerhalb der Stadtmauern wohnen.

Ein Werkplatz bestand aus Meister, Einbläser, Anfänger und dem Einträger.
Der Einbläser holte einen Batzen Glas mit der Pfeife aus dem Ofen und blies den Glasposten je nach Werkstück in einer Ton- oder Holzform oder auch freihändig zur Vorform. Dann reichte er die Pfeife weiter zum Meister, der das Glas fertig machte.
Der Einträger brachte das fertig geformte Glas in den Kühlofen.

Der Schmelzer kannte die geheimen Glasrezepte und die Rohstoffe, die dafür benötigt wurden. Er mischte die Rohstoffe zum Gemenge, füllte es in die Häfen und war für das Gelingen der Schmelze verantwortlich.
Der Hafenmacher baute den Ofen, stellte die Schmelzhäfen her und wechselte die Häfen.
Die Schürer waren für die Beheizung der Öfen zuständig. Es gab einen Tagschürer und einen Nachtschürer.
Der Glasmüller zerkleinerte das Quarzgestein zu Quarzsand, wenn kein natürlicher Sand vorhanden war.
Der Pottaschesieder verbrannte Holz und stellte aus der Asche die Pottasche her.
Holzfäller und Köhler sorgten für das Brennmaterial.

Betriebszeit:

Über die Glashütte haben sich keine Urkunden erhalten. Wir wissen daher nicht, wann und wie lange die Hütte hier existiert hat. Dabei muss es einmal Urkunden gegeben haben, da der Betrieb einer Glashütte eine Reihe von Sonderrechten erforderte, welche dem Hüttenherrn vom Grundherrn, in diesem Falle sowohl von den Herrn von Riedesel als auch vom Landgrafen, verliehen werden mussten. Die Glashütte hat nach Auskunft von Historikern  vom späten 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts gearbeitet. Die erste urkundliche Erwähnung einer Glashütte in Hessen erfolgte im Jahre 1443.


Unter den Glassplittern, die gefunden wurden, fand sich eine große Anzahl von farbigen Gläsern - kobaltblau durchgefärbte Gläser und rotbraun beschichtete Gläser.

Kurt Maurer jun.

 

Quellen:

Kurt Maurer sen.:
800 Jahre Röhrenfuth – Geschichte und Geschichten eines Dorfes.
Melsungen – Röhrenfurth 1982

Dr. Ludwig Armbrust:
Geschichte der Stadt Melsungen bis zur Gegenwart
Melsungen 1921

Dr. Dieter Wolf:
Melsungen. Eine Kleinstadt im Spätmittelalter
Butzbach 2003

Heinz Rüdiger:
Das Basaltvorkommen an der Hüneburg
in 700 Jahre Empfershausen

Dr. Georg Landau:
Historisch-topographische Beschreibung der wüsten Ortschaften in Hessen ....
Kassel 1858

Carl Renouard:
Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfahlen
Kassel 1864

J. G. Schleenstein:
Landesaufnahme der Landgrafschaften Hessen-Kassel
1707/1710

Wilhelm Dilich:
Abriß des Bezirks Röhrenfurtt so Riedeselisch - Spezialtafel des Amtes Melsungen
1615

Niveaukarte vom Kurfürstentum Hessen
Blatt 32 Melsungen
1848 und 1857

Hessisches Landesamt für Geoinformation und Bodenmanagement
Topografische Karte 1:25 000 – Nr. 4823

 

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