Archiv Melsungen
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Die Chorvereinigung 1876 Röhrenfurth Teil 2

Ein besonderes Ereignis für den Chor und auch das Dorf wurde das 50jährige Vereinsjubiläum in 1926, das man zusammen mit dem ersten Kreissängerfest vom 5. bis zum 6. Juni 1926 in würdiger Form beging. Der Erste Vorsitzende Andreas Holzhausen begrüßte viele Ehrengäste, die Festrede hielt Eduard Lange als Chorleiter des Jubiläumsvereins und Vorsitzender des neuen Sängergaues Heiligenberg. Die Frauen der Vereinsmitglieder stifteten zwei Fahnenschleifen mit ihren eingestickten Namen. Von den Vereinen des Sängergaues erhielt unser Chor einen wertvollen, massiven Eichenschrank für die Aufbewahrung der Noten und der Vereinsfahne. Leider verregneten der Sonnabend und Sonntag des Jubiläumsfestes fast vollständig. Die Röhrenfurther sprachen noch lange von ihrem "Schirmfest". Trotzdem war die Stimmung ausgezeichnet und das Fest noch lange ein Gesprächsthema im Verein und im Dorf.
Die Geselligkeit innerhalb des Vereins kam nie zu kurz; die Besuche bei Nachbarvereinen, zu denen auch die Ehefrauen „mitgenommen" wurden, brachten stets fröhliche Stunden und Abwechslung in den sonst so grauen Alltag. Im Jahre 1930,am 1. Juni, feierten die Sänger ihr Bundessängerfest in Kassel, bei dem auch der Männergesangverein Röhrenfurth im Rahmen des Singens der Bezirkschöre mitwirkte. Eine bronzene Plakette erinnert noch an diesen Tag. Der Chor zählte in diesem Jahr 35 singende und 7 Ehrenmitglieder. Die wirtschaftliche Not dieser Zeit beeinträchtigte aber auch das Vereinsleben erheblich und mancher Sänger blieb den Übungsstunden fern.

Erstmalig in der über 50jährigen Vereinsgeschichte kam es im Jahre 1932 zu politischen Auseinandersetzungen. Die Äußerung "ein Nazi gehört nicht auf die Orgelbank", die bei den Vorbereitungen für eine Mitwirkung des Chores im Gottesdienst gefallen war, wurde von der betroffenen Seite als schwere Beleidigung angesehen. Trotz der Vermittlungsversuche des Vorsitzenden und des Kassierers war die Angelegenheit nicht zu bereinigen. Der Chorleiter, Hauptlehrer Eduard Lange, stellte sein Amt zur Verfügung und Lehrer Otto Riemenschneider übernahm notgedrungen diesen undankbaren Posten. Mit den Notizen über die Jahreshauptversammlung des Jahres 1934 enden die Eintragungen im Protokollbuch des Vereins. Die restlichen Seiten sind herausgetrennt, vermutlich vor Kriegsende, um das unrühmliche Wirken einiger Vereinsmitglieder nicht zu überliefern.
Infolge weiterer politischer Querelen zerfiel der Chor immer mehr. Es konnte nicht mehr gesungen werden, die Chortätigkeit ruhte, der Verein existierte praktisch nicht mehr.

Erst 13 Jahre danach, als die Menschen ein wenig Abstand von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gewonnen hatten, fanden sich am 15. April 1950 -nach einigen Vorbesprechungen- insgesamt 25 frühere Vereinsmitglieder zusammen, um den Männergesangverein erneut aufleben zu lassen. In der Gründungsversammlung, in der auch der Vorsitzende des Sängerkreises Heiligenberg, Julius Müller, anwesend war, wählten die Mitglieder Konrad Rothämel zum 1. Vorsitzenden, Justus Nödel zum 2. Vorsitzenden, Valentin Steube zum Kassierer -er hatte dieses Amt bereits seit 1920 inne- und Kurt Rose zum Schriftführer. Für das Amt des Chorleiters konnte man Hans Koch, Finanzbeamter aus Melsungen, gewinnen.

Noch im " Gründungsjahr" beteiligte sich der Chor an den Sängerfesten in Malsfeld und Kehrenbach, veranstaltete selbst einen Liederabend mit den Chören aus Körle und Empfershausen, sang am Totensonntag in der Kirche und pflegte wieder die Geselligkeit bei einer vorweihnachtlichen Feier mit Kinderbescherung.

In der Jahreshauptversammlung 1951 wurde beschlossen, das 75jährige Bestehen des Vereins mit einem Bezirkssängerfest vom 23. bis 25. Juni zu begehen. Von den 45 eingeladenen Vereinen kamen 425 Sängerinnen und Sänger aus 14 Chören nach Röhrenfurth. Der Turn- und Sportverein beteiligte sich mit 70 Mitgliedern am Jubiläumsfest. Am Sonntag, dem 24. Juni, beginnend um 9 Uhr, führte der Sängerkreis Heiligenberg ein Wertungssingen in der Gastwirtschaft zum Bahnhof durch, leider maßen sich bei diesem Sängerwettstreit nur 8 Chöre; es braucht eben alles seine Anlaufzeit.

Das Fest verlief zur vollsten Zufriedenheit, denn mehr als 20 junge Männer wurden als neue Mitglieder geworben.
Der Männergesangverein 1876 Röhrenfurth war mit seinen weit über 50 Aktiven ein gern gesehener Gast bei Freundschaftssingen mit den Nachbarchören, so z. B. bei den Sängerfesten in Niederbeisheim (wo es einigen jungen Männern besonders gut gefiel) und in Altenbrunslar, von wo man mit der Bundesbahn, in einem "Vierter-Klasse-Wagen" stehend, der Fahnenträger in der Mitte, fröhliche Lieder singend, in sehr "heiterer" Stimmung nach Hause fuhr (auch solche Erinnerungen sollten in einer Chronik Platz haben). Das Jahr 1954 sah wiederum einen sehr aktiven Männerchor. Vom 22. bis 24. Mai wirkte er beim 50jährigen Stiftungsfest des Turn- und Sportvereins Röhrenfurth und am 10. und 11. Juli anläßlich des 20jährigen Bestehens der Freiwilligen Feuerwehr Röhrenfurth mit. Gesungen wurde jeweils beim Festkommers, zum sonntäglichen Festgottesdienst und zur Begrüßung der Gäste nach dem Festzug. Die Kirchengemeinde und die politische Gemeinde Röhrenfurth weihten am 22. August das Ehrenmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges ein. Auch diese Feier gestaltete der Chor mit.

Das Jahr 1954 brachte auch einen Wechsel an der Spitze des Vereins. Der bisherige Vorsitzende Konrad Rothämel gab sein Amt ab - er war gesundheitlich nicht in bester Verfassung -. Sein Nachfolger wurde Konrad Kilian. Bereits im Mai war Hans Koch als Chorleiter ausgeschieden. Konrad Zimmermann aus Körle stellte sich dankenswerterweise dem Chor als Musikmeister, der er in vorbildlicher Art stets war, vorübergehend zur Verfügung.

Im Jahre 1955 konnte das Problem der musikalischen Leitung des Chors für längere Zeit und zum Besten der Chortätigkeit gelöst werden. Der bisher in Albshausen tätige Lehrer Willi Schröder übernahm die in Röhrenfurth freie Stelle des Hauptlehrers und löste gleichzeitig Konrad Zimmermann als Chorleiter ab. Konrad Rothämel übernahm wieder das Amt des 1. Vorsitzenden, Kurt Maurer das des 2. Vorsitzenden.

Für den Verein begann eine sehr rege Vereinstätigkeit, die man aus der heutigen Sicht als eine "Blütezeit" bezeichnen kann.
Am 30. Juni und 1. Juli 1956 feierte der Verein mit benachbarten Chören sein 80jähriges Bestehen. Das Wetter und die Stimmung waren im mit Lampions beleuchteten "Nödels Garten" ausgezeichnet.

Das Jahr 1957 brachte für unseren heutigen Chor eine sehr wichtige Entscheidung. In der Jahreshauptversammlung wurde auf Vorschlag des damaligen 2. Vorsitzenden Kurt Maurer dem Männerchor ein Frauenchor angegliedert. Bereits nach kurzer Zeit sangen 25 Frauen und Mädchen unter der Leitung von Willi Schröder. Männerchor, Frauenchor und Gemischter Chor erlebten dank des nimmermüden Einsatzes Willi Schröders sehr schöne Erfolge, die anspornend auf die Leistungen aller Chormitglieder wirkten. Besonders muß auch die enge Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Chor erwähnt werden. Schröder schrieb drei Puppenspiele, denen die Röhrenfurther Geschichte als Vorlage diente, studierte sie mit seinen Schülern, die die Handpuppen im Werkunterricht selbst gebastelt hatten, ein und führte sie unter Mitwirkung seines Chors im stets voll besetzten Saal der Gastwirtschaft auf. In sehr schöner Erinnerung sind auch die Familienabende und die Adventsfeiern des Vereins geblieben.
Nach achtjähriger, nicht immer leichter Tätigkeit als 1. Vorsitzender gab Konrad Rothämel sein Amt 1958 ab. Sein Nachfolger wurde Kurt Maurer. Die folgenden Jahre waren für unseren Chor Lehrjahre im besten Sinne. Anspruchsvolle, zum Teil siebenstimmige Chöre, studierte der Chorleiter mit viel Einfühlungsvermögen ein. Alle Sängerinnen und Sänger gaben ihr Bestes. Die Männer und Frauen unseres Chores erinnern sich noch gern an diese Zeit. Leider legte Willi Schröder im April 1964 nach fast neunjähriger so erfolgreicher Tätigkeit sein Amt nieder.

Zum Glück fand der Chor einen tüchtigen Nachfolger in Heribert Eisele, der erst Anfang des Jahres zusammen mit seiner Frau Chormitglied geworden war. Ein Musikus mit Leib und Seele, der sich schnell in das ungewohnte neue Metier eines Chorleiters fand und unter dessen Leitung der Chor sein bisheriges Niveau sicher halten konnte.
In 1966 feierte der Verein sein 90jähriges Bestehen am 2. und 3. Juli zusammen mit den Nachbarchören aus Guxhagen, Albshausen, Körle, Empfershausen, Melsungen und Kirchhof, die erstmalig an verschiedenen Plätzen unseres Dorfes ein "Platzsingen" veranstalteten. Fast wäre dieses Fest - wie das 50jährige -ein "Schirmfest" geworden, aber Petrus hatte dann doch ein Einsehen mit all den froh gestimmten Gästen.

Ein Jahr später feierte der Frauenchor sein 10jähriges Bestehen. Bei einem Faschingsvergnügen wurde dieser Tag in fröhlicher Runde begangen. Am 11. Mai 1967 brachte der Chor seinem Ehrenvorsitzenden Wilhelm Sonntag zum 90. Geburtstag ein Ständchen. Der Jubilar, geistig und körperlich sehr rege, revanchierte sich seinerseits mit einem "Fäßchen", das dankbar angenommen wurde.
Im Laufe der folgenden Jahre, etwa von 1969/70 ab, ging der Anteil der Männer im Chor aus Altersgründen ständig zurück. Es konnte nur noch im Gemischten Chor gesungen werden. Trotzdem oder gerade deswegen blieb die Leistung auf dem bisherigen anspruchsvollen Niveau. Die Chortätigkeit war stets rege, besonders in der Öffentlichkeit. Erwähnt werden müssen: Sommerliche Schloßgartenkonzerte in Melsungen, Adventskonzerte in der Röhrenfurther Kirche, Liederabende mit den befreundeten Nachbarvereinen und nicht zu vergessen die alljährlichen Faschingsbälle mit ihrer ausgelassenen Stimmung, die großen Anklang bei den Röhrenfurthern fanden. Busfahrten ins Fichtelgebirge und an die Weinstraße wurden unternommen und stets war der Chor bei besonderen Anlässen, z.B. bei goldenen Hochzeiten oder seltenen Geburtstagen oder bei den Altennachmittagen zur Stelle, um den Beteiligten mit seinen Liedern eine Freude zu bereiten.

Zu einem besonderen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte wurde das Jahr 1976, das Jahr des 100jährigen Bestehens unserer Sängergemeinschaft. Vom 13. bis 15. August feierten die Röhrenfurther zusammen mit ihrem Chor dieses Ereignis, das am Sonntag, dem 15. August anläßlich des Kreissängerfestes weit über 1000 Sängerinnen und Sänger nach Röhrenfurth brachte. Begonnen hatte das Jubiläumsjahr mit einer unangenehmen Überraschung, Heribert Eisele, der den Chor über 10 Jahre hinweg musikalisch erfolgreich geleitet hatte, stellte sein Amt aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung (zwei Jahre später, am 13. September 1978 trugen wir ihn zu Grabe). Der Chor stand vor einer schweren Entscheidung. Wer konnte neuer Chorleiter werden? Wer diese Aufgabe so kurz vor dem Jubiläumsfest übernehmen? Helmut Ganz, Mitglied des Chores seit 1971 und seit 1974 neben Kurt Rose Stellvertreter des Chorleiters, hatte den Mut, in dieser Situation die musikalische Leitung zu übernehmen; und er hat dieses verantwortungsvolle Amt auch heute noch inne.

Bereits am Sonntag, dem 7. März sang der Chor unter seiner Stabführung anläßlich des 51. Kreissängertages in Röhrenfurth vor dem Präsidenten des Mitteldeutschen Sängerbundes, Waltari Bergmann, und etwa 150 Delegierten von 36 Chören des Sängerkreises Heiligenberg.

Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen lud der Chor alle Röhrenfurther Einwohner über 70 Jahre zu einem gemütlichen Nachmittag am Sonntag, dem 28. März ein. Über 120 Eingeladene erlebten einige heitere abwechslungsreich gestaltete Stunden bei Kaffee und Kuchen, einem Film über Röhrenfurth, mit Liedern des Chores und Sketchen aus dem täglichen Leben. Ein guter Auftakt des Jubiläumsjahres.

Die "Festtage" begannen am Freitag, dem 13. August mit einem Festkommers im Festzelt. Viele Ehrengäste, an ihrer Spitze der Präsident des Mitteldeutschen Sängerbundes und Vorsitzender des Sängerkreises Heiligenberg, Waltari Bergmann, Bürgermeister Dr. Ehrhart Appell, Pfarrer Sippel, die Vorsitzenden der Röhrenfurther Vereine und viele andere waren der Einladung gefolgt. Die HNA schrieb über die Feierstunde: "Waltari Bergmann war des Lobes voll. Er sprach von einer vorbildlichen Feierstunde, von einer vorbildlichen Disziplin, von einer vorbildlichen Festschrift, die ein echtes Dokument darstelle, und bekräftigte: Singen heißt Verstehen". Dann überbrachten die Nachbarchöre Körle, Schwarzenberg, Concordia Liedertafel Melsungen und die "Melsunger Bartenwetzer" ihre Glückwünsche und Geschenke und trugen mit zum Gelingen des Abends bei.

Für den Sonnabend hatte sich unser Chor etwas besonderes ausgedacht: Ab 15 Uhr hörten die Röhrenfurther ein vom Musikkorps des Bundesgrenzschutzkommandos Mitte, Kassel, intoniertes Platzkonzert, das leider nur sehr wenige Zuhörer hatte, von den wenigen aber mit viel Applaus aufgenommen wurde. Unter den Klängen des Liedes „Ich hat' einen Kameraden" legte der Chor am Gefallen-Ehrenmal einen Kranz nieder und verabschiedete sich bei leichtem Nieselregen vom Musikkorps des Bundesgrenzschutzes mit einem herzlichen Dankeschön.

Der Sonntag begann mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kirche, den auch der Kirchenchor der Katholischen Pfarrgemeinde Maria Himmelfahrt aus Melsungen mitgestaltete. Ab Mittag stand unser Dorf dann ganz unter der Herrschaft einer 1000köpfigen Sängerschar, die Röhrenfurth bei dem "Platzsingen" und dem anschließenden Kreischorsingen zu einem singenden, klingenden Dorf machte.

Festreden des Präsidenten des Mitteldeutschen Sängerbundes, Waltari Bergmann, des Landrates des Schwalm-Eder-Kreises, August Franke, des Bürgermeisters der Stadt Melsungen, Dr. Ehrhart Appell, wechselten mit den Chören aus dem oberen und unteren Fuldatal, aus dem Eder- und Pfieffetal. Und der mit Birken- und Tannengrün und vielen Fahnen geschmückte Platz strahlte unter der aus blauem Himmel scheinenden Sonne.

An allen Abenden konnten die Röhrenfurther und die vielen Gäste das Tanzbein schwingen und als dann die Sängerinnen und Sänger des Chors am späten Montagabend müde aber doch ein wenig stolz ihr Fazit zogen, gab es nur zufriedene Gesichter, denn das Fest war auch ein finanzieller Erfolg geworden, zwar kein übermäßiger, aber doch ein angenehmer.

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